Mitteldeutsche Zeitung

 

(Version vom: 10.03.06)


Schweiz

Bossis schneller Eisweg

«Skateline» im Albulatal ist im Sommer ein Wanderweg und im Winter ein schneller Eisweg


Halle/MZ. Giorgio Bossi hat auf den Mond gewartet. In dieser Nacht ist er endlich "obsigend", steigend, hat seinen tiefsten Punkt überwunden. Satt leuchtend hängt er im schwarzblauen Himmel. Das ist die beste Zeit für gutes Eis. "Weil das Wasser dann nicht wegläuft, sondern schön dicht wächst", glaubt Bossi. Er präpariert die "Skateline", eine Schlittschuhbahn und zugleich der erste Eisweg der Schweiz. Zehn Mal war er diese Nacht schon draußen. Zehn Mal das gleiche Ritual: Wasser in den umgebauten Mini-Lkw pumpen, den Weg langsam abfahren. Bossi hat eine selbst entworfene Konstruktion an sein Eismobil geschraubt. Das Wasser läuft durch ein Rohr so gleichmäßig auf den Weg, dass eine ebene Eisfläche entsteht. Nach kurzem Warten ist die Schicht steinhart gefroren. Und wieder fahren, das Wasser fließen und erstarren lassen.

Die "Skateline" von Surava, im Sommer ein Wanderweg, auf dem man nun im Winter Schlittschuhlaufen kann, war Giorgio Bossis Idee. Er hat damit aus der Not eine Tugend gemacht. Denn bis vor drei, vier Jahren war das Albulatal in Graubünden nur eine touristische Durchfahrtsstrecke für Wintersportler auf dem Weg ins Engadin. Das Albulatal ist stark bewaldet. Zum Skifahren reisen die Touristen lieber nach St. Moritz, Davos, Lenzerheide. Und im Albulatal ist es dunkel. Zumindest von Ende November bis Mitte Januar. Die Berge links und rechts des Tals sind so hoch, dass es die Sonne in dieser Zeit nicht mehr über die 2 400 Meter hohen Bergrücken schafft. Dann liegt das Tal im Schatten. Und wo Schatten ist, ist es kalt. Minus 20 Grad zeigt das Thermometer hier oft. Aber Kälte macht Eis.

"Wenn es im März und April noch friert, habe ich mir gedacht, da darf man doch nicht jedes Jahr jammern, sondern muss was draus machen", erzählt Giorgio Bossi. Er ist stolz auf sein Projekt. An einem Kiosk am Ende der "Skateline" kann man Schlittschuhe und Schutzausrüstung ausleihen und abends noch eine Stirnlampe. "Wir fanden das romantischer als Flutlicht", grinst Bossi verschmitzt. Wenig romantisch: Fällt man beim Fahren hin, tut das ordentlich weh und garantiert blaue Flecken. Helm, Handschuhe, Schlittschuhe, wer mag, zieht noch Knie- und Ellenbogenschoner über - für den schnellen Spaß muss man gerüstet sein. Ein Kleinbus fährt die dick verpackten Gäste zum Startpunkt. Drei Kilometer lang ist dann die abschüssige Fahrt auf der "Skateline". Sie führt durch ein Waldstück, daneben fließt die Albula, ein kleiner Fluss.

Auch am Tag glaubt man den Mond noch zu spüren. Das Licht ist selbst am frühen Nachmittag bläulich gefärbt wie in einer hellen Nacht. Die Luft ist genauso kühl und klar. Der Fahrtwind pfeift an den Ohren vorbei. Die Albula rauscht auf der ganzen Strecke leicht und frisch. Meist hält sie sich irgendwann an den Steinen an der Strecke fest, friert um sie herum. Auch der Schnee auf den Bäumen hat sich schon um die Zweige festgeeist.

Es gibt mehrere "schattige Täler" in Österreich, der Schweiz und Italien. In einigen versucht man, mit Parabolspiegeln auf den Bergrücken das Sonnenlicht ins Tal zu spiegeln. Im Albulatal würde sich das nicht rentieren. Es ist eine Randregion, mittendrin. "Die Kälte bei uns ist trocken und nicht feucht. Das ist gesund", meint Giorgio Bossi und erklärt, "Wir können doch den Skiorten rundherum auch etwas bieten. Was macht man, wenn um vier die Lifte schließen und das Après Ski noch lange nicht losgeht? Dann kann man bei uns Schlittschuh laufen."

Neben dem schnellsten Eisweg der Schweiz gibt es im Albulatal noch die längste Naturschlittelbahn Europas - in Bergün, wo 1952 auch "Heidi" gedreht wurde. Die Schlittelbahn wird nachts mit Flutlicht beleuchtet, ist sechs Kilometer lang und ein Riesenspaß. In Bad Alvaneu kann man in der historischen Therme im Schwefelwasser Kraft tanken und vom Außenbecken aus auf das Bergpanorama des ganzen Tals schauen. Nur ein paar Schritte weiter gibt es einen Golfplatz. 18 Loch, jeweils neun rechts und neun links der Albula.

Die Bauern, denen das Land gehörte, auf dem heute der Golfplatz liegt, arbeiten dort als Greenkeeper. Arbeitsplätze sind knapp im Albulatal. In Surava gibt es kein einziges Lebensmittelgeschäft mehr. Die Bahnstation der Rätischen Bahn wurde vor drei Jahren geschlossen. Wenn man jung ist, geht man hier weg. Aber nicht gern. Der Tourismus bringt Arbeitsplätze. 34 Leute können in der Saison bei der "Skateline" arbeiten. Viele sind Hausfrauen, die sich so etwas dazu verdienen. Sie sitzen an der Kasse, geben Tickets und Ausrüstung aus.

Etwa 15 bis 20 Minuten brauchen ungeübte Fahrer für die Fahrt über die "Skateline". Ein Mal kam die Züricher Eishockeymannschaft ZSC Lions zu Besuch. Angriffsspieler Reto Stir-nimann war in sechs Minuten und zehn Sekunden wieder am Kiosk. Der norwegische Skirennläufer Lasse Kjus, Gewinner von 17 Weltcuprennen, der Weltmeisterschaft 1999 in Vail und der Kombination bei den Olympischen Spielen 1994 in Lillehammer, hat im vergangenen Frühjahr noch einen Tag vor den Weltcupfinals in Lenzerheide auf der "Skateline" ein paar Runden gedreht. Die Abfahrt der Herren am nächsten Tag gewann er natürlich.

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